Den Mut zu haben, etwas zu sagen

Oder: Künstler malen das, was sie bewegt

Erika Lust

Sachsens Linke sprach mit Erika Lust, der Malerin des umstrittenen Nacktgemäldes der Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz

Herzlichen Glückwunsch zum gewonnenen Prozess! Wer hat denn zuerst  gratuliert?

Na, meine Freunde…

…Frau Orosz hat sich aber nicht gemeldet?

.. Nein, ich wollte zu Ihrer Pressekonferenz, wurde aber nicht reingelassen. Da stand ein großer Mann vor der Tür und meinte, das ist keine Pressekonferenz, das ist nur ein Pressestatement. Da gehören keine Fremden rein, und hat mich nicht reingelassen. Das war gerade Anlass für die DNN die gleich am Samstag wieder böse gegen mich hetzte. Sie haben gleich geschrieben, dass ich mich da den Journalisten „billig dargeboten“ habe. Ich wollte aber einfach zur Pressekonferenz. Mich hat natürlich interessiert, was sie da sagt, und ob sie weiter klagt. Der Prozess betrifft mich doch genauso wie sie.

Das fragliche Bild – haben Sie den Wirbel von Anfang an erwartet?

Das es sooo einen Wirbel geben würde, habe ich nicht erwartet. Ich wollte natürlich zu der Diskussion beitragen, es war gerade die heiße Phase in der Aberkennung des Welterbes. Ich habe auch das Bild der Grünen Liga zugeschickt, dem mittlerweile verstorbenen Achim Weber, aber für ihn war das Bild auch zu heftig. Er hat es abgelehnt, und gemeint, es sei so drastisch, er verstehe schon meine Beweggründe, aber das könne er nicht veröffentlichen.

Haben sie es schon mal bei einer Satirezeitschrift versucht, wie der Titanic oder dem Eulenspiegel?

Nein, das brauche ich ja jetzt auch nicht, jetzt kennt wirklich jeder das Bild. Damals, wollte ich ja das Bild hier (in Dresden) bekannt machen. Thomas Türpe, ein bekannter Fotograf, hat es damals fotografiert und an alle Zeitungen in Dresden gegeben. Nur die Morgenpost wollte drucken. Der Redakteur ist zum Rathaus gegangen und hat es dort gezeigt, dass sie das demnächst vorhaben. Ich wusste nicht wieso, macht man das heute, das man fragt, ob man das darf? Es wurde verboten und von den ganzen Zeitungen hatte ich nur die BILD Zeitung ausgelassen, weil ich wusste, die BILD macht immer solche Schlagzeilen, dass das nach hinten losgeht. Aber wo ich gesehen habe, dass die Morgenpost doch nicht druckt, habe ich der BILD das Foto geschickt. Der Redakteur hat mir gesagt, das kennt er schon, er weiß, dass es verboten ist. Daher kann er es auch nicht machen, nur wenn ich ein neues Bild male, dann druckt er es sofort. Daraufhin habe ich sofort dieses Domina-Bild „Auspeitschung der Rathausfürsten“ gemalt. Und das hat er gedruckt. Aber ich habe das Bild auch gemalt, um beim Thema zu bleiben. Ich wollte das Bild zeigen. Und es hat irgendwie auch gewirkt. Denn als das Bild raus kam, haben viele auf meine Internetseite geguckt, dort war das Bild ja drauf. Das war irgendwann im August, da haben mich dann auch viele Journalisten angerufen, die wollten unbedingt das Original sehen. Ich war aber gerade auf der Autobahn, auf dem Weg in den Urlaub. Da habe ich schon gehofft, das jetzt über das Bild gesprochen wird, aber wieder nichts. Weil es verboten war.

Und dann habe ich es – nachdem es schon verkauft war – zum Offenen Atelier ausgestellt. Die BILD hatte davor auch berichtet, deswegen wohl kamen sehr viele Leute. Nach dem Erscheinen dieses Artikels hatte ich die Unterlassungsklage erhalten. Aber ich hatte natürlich zum Offenen Atelier ausgestellt.

Es fällt auf, dass sich Nacktheit und Herrscher durch ihr ganzes Werk zieht, angefangen vom Fürstenzug bis jetzt zu Frau Orosz. Wie kommt es dazu?

Das ist sozusagen meine Vorgeschichte, dass ich aus einem autoritären Staat komme. Was ich natürlich nicht bereue, ich bin froh, dass ich in der Sowjetunion aufgewachsen bin, das hat auch viel Gutes gehabt. Ich finde sogar, dass man in gewisser Art und Weise freier aufwächst. Wenn ich gerade den aktuellen Fall ansehe, die Leute haben mehr Angst ihre Meinung zu sagen. Damals konnte ich natürlich nichts gegen einen „Regionalfürsten“ in der SU sagen, da wäre man gleich in den Knast gekommen. Aber den Mut zu haben, etwas zu sagen, etwas zu bewegen, das hat man schon gehabt. Und ich glaube mehr als jetzt, als hier.

Das ist also eine biographische Sache. „Ich hatte keine Angst mich zu widersetzen.“ steht in ihrer Biographie. Dieses Bild ist bis heute zutreffend. Überhaupt ist es  eine interessante Biographie, aufgewachsen im Karlag, einer Art Gulag. Wann sind sie nach Deutschland gekommen?

Es war am 13. Dezember 1989, noch auf Einladung des Kultusministeriums der DDR, weil ein Regisseur von hier und Prof. Wagner von der Kunsthochschule hatten am Deutschen Theater in Kasachstan ein paar Stücke gemacht und unsere Chefs haben gefragt, ob er nicht eine Weiterbildung organisieren kann. Das hat er gemacht und es kam eine offizielle Einladung zur Weiterbildung in die DDR. Ich habe noch ein Jahr DDR erlebt.

Damals war eine Übersiedelung noch nicht geplant?

Doch. Das Deutsche Theater in Kasachstan hatte auch politisch für die Autonomie der Wolga-Deutschen gekämpft. Ende der 80er war dann klar, dass das nichts wird. Dass die ganzen Wolga-Deutschen ausreisen, dass sie nichts bekommen, keine Sprachförderung, keine Schulen. Die Kultur stirbt aus oder du gehst nach Deutschland. Meine Kollegen haben mir gesagt, wenn du eine Möglichkeit findest zu bleiben, dann bleib. Schon damals war klar, dass alle ausreisen werden, dass das Theater aufgibt. Offiziell gibt es das Theater zwar immer noch, aber es arbeiten kaum noch Deutsche mit. Es wird von deutscher Seite noch gefördert, einfach um die Möglichkeit zu bieten, die deutsche Sprache zu lernen und die Stücke werden weiterhin in deutsch gespielt, aber die Menschen die dort arbeiten sind kaum noch von deutscher Nationalität. Weil ja auch kaum jemand dort noch lebt. Sie sind alle ausgewandert.

Kasachstan hatte damals 100 Nationalitäten, auch durch dieses Kargal-Lager wurden aus der ganzen Sowjetunion die politischen Gefangenen dorthin deportiert. Ganze Völker auch, wie die Wolga-Deutschen oder die Tschetschenen, die sie fangen konnten, auch die Litauer, Letten, Polen, ganz viele. Auch Koreaner, Japaner. Die sind alle Nachkommen der Gefangenen.

Wie muss man sich das vorstellen, dieses Karlag. Gulag ist ja ein Oberbegriff…

Gulag sind staatliche Lager, Karlag heißt Karaganda-Lager. Gulag ist für Strafgefangene, Karlag war mehr für politische Gefangene. Angefangen hat das vor dem Krieg mit Wolga-Deutschen und Tschetschenen. Und dann kamen immer mehr. In den Dreißigern hat Stalin damit angefangen, die politischen Gefangenen, deren Familien, Frauen und Kinder gingen alle nach Karlag. Es wurden auch viele erschossen oder die in den Gulag geschickt wurden, deren Familien wurden in den Karlag deportiert. Das ist ein Territorium so groß wie Frankreich. Es ist geographisch gesehen eine Halbwüste. Da brauchte man keine Zäune oder Bewachung errichten. Da man bei der Flucht nicht weit kam. Es gab aber auch Wachttürme. Wo ich wohnte, in der Nähe gab es auch Wachtürme.

Der erste Gulag war ja beim Moskwa-Wolga-Kanal. Gab es auch im Karlag so ein großes Projekt?

Meine Großmutter musste im Salzsee arbeiten. Da wurde Salz gewonnen. Sie stand bis zu den Hüften im Salzwasser und musste Salz ernten. Sie hatte damals auch kleine Kinder, mein Vater wurde in ein Heim gesteckt. Auch seine dreijährige Schwester, die war drei. Aber so große Projekte wie ein Kanalbau gab es nicht. Man konnte ohnehin nichts bauen in der Wüste. Aus welchem Material auch, es gab ja nichts. Da gab es keine Bäume.

Diese Erfahrung aus der frühen Kindheit war faktisch für ihr ganzes Leben prägend?

Ich fühlte mich da nie wohl, wenn man hört, wie schön die Heimat der Großeltern war an der Wolga und mein Vater, der dann in Sibirien aufgewachsen ist – der schwärmte wiederum von Sibirien, weil es dort so schön ist und dann landet man in Kasachstan und dort ist nichts. Ich mochte den Sommer nicht, weil es zu warm war – das waren über 40 Grad im Schatten oder viel mehr. Winter mag ich schon mehr, das war zwar auch sehr kalt, aber das ist mehr meins. Da war auch viel Schnee und bis minus 40 Grad. Die Gegend dort hieß Hungersteppe, weil dort nix wächst und man zog nur im Frühsommer dort mit den Herden hin. Aber Stalin hat es geschafft, dass auch diese Gegend bevölkert wurde, und dort gab es dann auch Städte. Man hat Steinkohle gefunden – gerade in Karagandabecken – was heute immer noch gewonnen wird. Und dann sind dort auch Chemiekombinate entstanden – also es läuft.

Bis heute mit einem bunten Völkergemisch?

Ja.

Zurück zu Frau Orozs – kann man sagen, dass Deutsche besonders sensibel  reagieren?

Nein, nicht besonders sensibel. Denn in Kasachstan wäre ich um die Ecke gebracht worden. Da war man hier schon tolerant.

Sogar die älteren Russen, die von dort kommen, haben die Angst vor Repressalien noch im Blut. Die fragen mich immer noch, ob ich keine Angst habe, umgebracht zu werden. Da sage ich, das ich nicht mehr dort bin. Aber das ist eben diese Angst – die ist drin. Also dort hätte ich das Bild, glaube ich, nicht veröffentlicht.

Auch heute nicht? Auch nicht unter Medwedjew oder Putin?

Nein. Der Chodorkowski hat Milliarden, der sitzt immer noch im Knast. Da kann man nichts machen dort, da ist man verloren, wenn man sich mit einem Mächtigen anlegt.

Aber gibt es nicht Karikaturen von Putin, die auch in Moskau gezeigt werden?

Ja, das waren Puppentheater oder Karikaturen – aber die sind alle weg und wurden verboten.  Und politische Morde, die nie aufgeklärt werden, passieren nach wie vor, wie unlängst die Journalistin Politkowskaja. Oder auch wenn ein Richter nicht passt mit seinen Ansichten –wird er auch umgebracht. Es hat sich nichts geändert. Ich hab da keine großen Hoffnungen.

In  meinem Russlandbild, ist es immer so, dass Gorbatschow – der der große Held in Deutschland ist – in Russland nicht gemocht wird. Trotz alledem dachte ich, dass in Russland etwas in Gang gesetzt wurde – aber das scheint ja nur eine Wahrnehmung aus der Ferne zu sein?

Also Demokratie gibt es nach wie vor nicht, und wird es noch lange nicht geben in Russland.

Und woran liegt das? Was muss passieren?

Mit Politik beschäftige ich mich eigentlich nie so. Ich habe auch keine russischsprachigen Medien, wie Fernsehen oder Zeitung. Daher weiß ich das nicht. Meine Verwandten sind auch in Deutschland und in Kasachstan war ich, seitdem ich ausgereist bin, nicht mehr. Meine Freunde leben auch nicht mehr dort. Alle sind ausgewandert. Auch die Russen sind alle nach Russland. Niemand mehr.

Gibt es ein Informationsnetz der Exil-Kasachstan-Deutschen, so dass man untereinander kommuniziert – ähnlich wie bei den Rodhesiern – die sind weltweit verstreut und die sind über das Internet verbunden. Die sagen sich, sie kommen aus den gleichen Ortschaften und man ist aber jetzt über die ganze Welt verstreut und man nutzt das Internet, um miteinander zu kommunizieren. Gibt es da was vergleichbares?

Hab ich noch nicht gehört. Weiß ich nicht. Aber ich bewege mich auch nicht in den Kreisen, weil alle meine Freunde Deutsche sind. Ich bin auch alleine her gekommen. Sonst passiert es so, dass eine Sippe herkommt und die unter sich bleiben und weiterhin russisch sprechen. Weil ich allein gekommen bin, musste ich auch sofort deutsch sprechen. Mein großes Glück war, dass ich sehr gute Freunde in der Kunsthochschule hatte und ich sehr warmherzig aufgenommen wurde. Mir wurde sehr viel geholfen und ich habe gleich Freunde gefunden und das ist bis jetzt so geblieben. Deswegen habe ich auch keine Kontakte mit Russen oder Wolga-Deutschen.

Sie sagten Sie interessieren sich nicht für Politik. Seit wann haben Sie aber die Brückengeschichte verfolgt – Sie sind da ja sehr stark involviert gewesen – auch emotional?

Wann genau, weiß ich nicht mehr. Ich kann mir keine Daten merken – es kann ein Jahr, zwei Jahre oder auch fünf Jahre her sein. Aber ich bin nun Neustädterin und ich bin gerne an der Elbe und gerade dort ist meine Lieblingsstelle, da war ich immer im Sommer und dann ging es so langsam los, dass man die Gärten abgeholzt hat, die Bäume, auf dem Hang und so. Und das war mir nicht egal. Dann haben sie die Flut vorgeschoben, um die Bäume platt machen zu dürfen. Und das geht ja weiter. In Pieschen werden die Bäume ja auch abgeholzt. Ich war dort noch nicht, aber ich kann mir jetzt nicht vorstellen, wie das aussieht ohne Bäume. Das ist doch gruslig. Und warum machen die das? Das versteht doch kein Mensch. So was bringt mich schon auf die Palme.

>>Wenn man schon so eine schöne Gegend hat – so eine schöne Stadt – und dann macht man alles kaputt was man hat, da muss man doch irgendwie nicht ganz dicht sein in der Birne. <<

Das macht mich schon wütend. Ich finde, dass es zu wenig Protest von der Bevölkerung gibt. Die Deutschen sind da zu brav. Wenn ich das zum Beispiel vergleiche mit den Franzosen – die gehen ja gleich auf die Barrikaden. Und ich wünsche mir, dass die Leute hier mehr aus ihrem Häuschen rauskommen. Und ich hoffe, dass durch meine Beispiel – weil ich ja nun auch gewonnen habe – die Leute Mut schöpfen und protestieren, wenn ihnen was nicht gefällt. Denn wir erleben viel Mist, was von der Regierung kommt und deren Entscheidungen.

>>Zum Beispiel das mit dem Postplatz – das ist so ein Grauen, was dort passiert ist.<<

Oder der Altmarkt – da kann man Beispiele ohne Ende nennen. Und der Widerstand ist zu wenig. Das muss geändert werden.

Wo ich zum Beispiel sehr stolz war, war der 13. Februar. Da waren so viele – ich war auch dabei – und das war klasse. So muss das immer sein, wenn so viel Mist kommt.

Ist das nicht interessant: Wir haben so viele Dresdner Künstler und Ateliers  – aber wir haben kaum Künstler, die sich politisch einmischen. Wenn man durch die offenen Ateliers geht, findet man kaum etwas zu Afghanistan, man findet kaum etwas zur Elbbrücke.Wie erklären Sie sich das?

So allgemein ist man ja der Meinung, dass Kunst mit Politik nix zu tun haben soll. Man soll nicht politisch sein. Das ist so die verbreitete Meinung. Und zweitens – die Künstler malen das, was sie bewegt und weil viele einfach keine Zeitung lesen oder sie nicht interessiert sind an politischen Dingen oder eben auch nicht betroffen sind, malen sie es nicht.

Ich liebe die Stadt und ich liebe die Gegend und der Ort an der Brücke war grade meine Lieblingsstelle – das hat mich also total betroffen. Daher habe ich auch so ein böses Bild gemalt. Das kommt aus der Wut und aus der Verzweiflung. Ich war auch immer bei den Demos und wenn man sieht, wie viele Menschen dagegen sind – Tausende – und dann nix kommt und es verlorene Liebesmüh war und dann nix passiert – musste ich das Bild einfach malen. Aber wenn ein Künstler sich überhaupt nicht für Politik interessiert, warum soll er dann auch politische Bilder malen? Die meisten Künstler lesen auch keine Zeitung. Ich habe bis jetzt immer die DNN gelesen, weil dort sehr viele Kulturbeiträge waren, aber jetzt kündige ich diese. Denn es ist wirklich das letzte, was die dort machen. Und nur wegen der Kulturbeiträge muss man nicht ein CDU-Blatt unterstützen.

Aber Sie gehen ja jetzt etwas weiter?!

Hätte mich die Oberbürgermeisterin nicht verklagt, hätte ich auch nicht in diese Richtung weitergemalt. Das ist ein Entwicklungsprozess, warum ich jetzt auch immer mehr Bilder von Frau Orosz gemalt habe und das ist eben immer eine Antwort darauf, was mich gerade bewegt. Und nachdem ich damals den Prozess im Landgericht verloren habe, habe ich ein Bild gemalt – was ich aber nicht veröffentlicht habe – womit ich Spenden sammeln wollte. Das Bild heißt „Rosa Wunder“, da ist der Schambereich und die Brüste  mit rosa Stoff bedeckt. Das verbotene Bild habe ich jetzt auch nicht mehr ins Internet gestellt, denn jetzt kann ich gnädig sein. Hätte ich den Prozess verloren, hätte ich weitere Bilder veröffentlich, um Spenden zu sammeln. Weil der Prozess 10.000 Euro kostet, die hätte ich nicht gehabt.

Gab es Solidarität?

Ich bin Einzelgänger, ich war kurz im Künstlerbund, kenne auch keine Dresdner Künstler, da bin überfragt. Aber es haben sich nur zwei drei Dresdner Künstler gemeldet. Einer hat sogar, nachdem der Kommentar von Klein in der SZ war, der ganz böse bemerkte, sie sei keine Künstlerin und das ist keine Kunst, seinen Text an den Redakteur  und an mich geschickt. Ein sehr guter Text. Der verglichen hat, als in einer Galerie in den USA ein Riesenporträt von Bush in Hitleruniform und Nazisymbolen gesehen. Er hat sich gewundert, wie geht denn das, das ist doch unglaublich, das ist doch der Präsident, aber sie haben gesagt, die Kunst ist frei.

Daher hat er geschrieben, wie kann ein Journalist behaupten sie sei keine Künstlerin, obwohl sie Absolventin der Dresdner Kunstakademie ist? Das erinnere ihn schon an Verfolgungen in der Nazizeit, wo geht das hin, wenn man so anfängt? Wo endet das? In der physischen Vernichtung? Das war ein richtig harter Brief. Der wurde natürlich nicht veröffentlicht.

Interessant ist ja, sie haben das Bild ausgestellt, aber es kam keine Reaktion. Erst mit dem Bericht der BILD gab es Reaktionen…

Naja, es war ja vom Rathaus verboten darüber zu schreiben. Die BILD hat dieses Verbot umgangen, indem sie auf den Künstlerbund eingingen. Sie haben eine geschickte Taktik gewählt, etwa, was trauen die sich einfach das Bild auszustellen.  Ich nehme das der BILD nicht übel, das war ein geschickter Schachzug. Das war zwar dem Künstlerbund gegenüber hart, aber…

…  ist das nicht ein Trauerspiel? Ist der Künstlerbund nicht ein Vertretungsorgan der Künstler?

Ich habe mich vor kurzem mit den Geschäftsführern des KB getroffen, sie haben mir gesagt, ich hätte eher auf sie zugehen sollen, dann hätten sie sich auf meine Seite gestellt. Aber ich hab gesagt, ich war doch angegriffen, ich wurde verklagt, warum sollte ich mich da um den Künstlerbund kümmern?

Ich sehe hier ein neues Gemälde eines bekannten Politikers…

Das ist vor wenigen Wochen entstanden, es heißt, der heilige Stanislaw und es betrifft das Thema, dass man für Gespräche mit dem Stanislaw bezahlen muss. Wie das in der Katholischen Kirche auch üblich war….

Aber ich möchte jetzt auch erst mal meine Ruhe haben. Daher warte ich noch mit der Veröffentlichung

Haben sich eigentlich andere Medien gemeldet?

Ja der SPIEGEL hat sehr seriös recherchiert und neutral berichtet. Die Journalistin hat mich bis ins Detail hier ausgefragt, sie hat das Gemälde besichtigt – übrigens als einzige – hat mit dem Käufer gesprochen und ist dann zu Fuß meine tägliche Radstrecke gelaufen um sich einen Überblick zu verschaffen. Der Artikel war trocken und unparteiisch.

Auch die Freie Presse hat mich besucht, alles angeguckt und es war ein guter Artikel in der Zeitung. Aber er war eben auch vor Ort, nicht so wie die Dresdner Zeitungen, die nicht mal das Bild angeguckt haben.

Wenn ich mich hier so umsehe, entsteht doch da eine Serie…

Ja, ich habe vor einen Zyklus mit sächsischen Heiligen zu malen… aber ich suche noch eine Möglichkeit sie auszustellen…Ich suche gerade nach neuen Motiven, mein Prozess hat viel Zeit gekostet, ich konnte mich mit dem Thema in letzter Zeit nicht so sehr beschäftigen. Aber jetzt, ich lese Zeitungen und da findet man schon sehr viele Ideen und Bilder. Das bleibt nie aus, neue Skandale und neue Themen, die werden geliefert.

Im Prinzip gibt es immer noch die Parallele zum Fürstenzug.

Ja, ich habe jetzt viel vor, will auch einen Totentanz malen. Das ist auch an den Fürstinnenzug angeknüpft, soll die Politiker der Neuzeit zeigen. Und die natürlich auch nackt. Obwohl meine Anwältin mich da warnt. Aber ich habe von Peter Lenk gelernt, der im Rathaus von Ludwigshafen/Bodensee die Politiker und Wirtschaftsbosse nackt für ein Relief gestaltet hat. Dort regen sich nicht die Politiker auf, sondern die Bürger, die fordern, das es weg soll. Deswegen habe ich ihn gefragt, wie er damit umgeht. Er sagte mir, man muss dafür die sog. Medusensprache lernen. Das heißt, er hat immer so formuliert, das sind nicht die Politiker, das ist im Paradies. Das sind Hartz-IV-Empfänger, die einfach Masken übergestülpt haben. Deswegen kann man ihn auch nicht verklagen. Also irgend sowas sollte ich auch benutzen. Er fand es einen Fehler, das Bild auch noch mit Namen zu benennen. Aber ich stehe dazu. Und habe ja auch gewonnen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.
Die Fragen stellten Ralf Richter und Rico Schubert.

Mehr Informationen:
http://www.erika-lust.de
http://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Lust_%28Malerin%29