Der „bürgerliche Marx“ – Max Weber
Am 14. Juni vor 90 Jahren starb dieser bedeutende Gelehrte der bürgerlichen Sozialwissenschaft, der auch als Mitbegründer der Soziologie gilt. Er war Professor für Nationalökonomie in Freiburg im Breisgau, Heidelberg und München. Geprägt wurde er durch den Kalvinismus seiner Mutter, der sich bis in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ fortsetzt, aber auch durch Liberalismus, Marxismus und die Philosophie F. Nietzsches. Sein ganzes Werk ist durchdrungen vom Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Krise des Bürgertums, so wie die Zeit in der er lebte. Zeit seines Lebens verstand er sich als „Mitglied der bürgerlichen Klasse“.
Für Weber ist der protestantische Geist die Ursache des Kapitalismus, der Imperialismus und der Krieg sind ihm so Entartung dieser „Rationalität“ des Kapitalismus klassischer Prägung.
Weber war sein ganzes Leben lang eine politisch stark engagierte Persönlichkeit. Im ersten Weltkrieg war er militärischer Leiter der Lazarette in Heidelberg. Seine politische Publizistik machte ihn zum Mitbegründer der Deutsch-Demokratischen Partei (DDP). Er war Teilnehmer der Friedensverhandlungen von Versailles. Seine leidenschaftliche nationale Gesinnung führte später bei Interpreten immer mal dazu, ihn mit dem Vorurteil des Nationalismus abzutun. Aus Enttäuschung über die Politik seiner Partei nach Versailles, verließ er sie 1920 und zog sich in die wissenschaftliche Arbeit zurück.
Insbesondere seine politischen Schriften aus den Jahren 1917⁄18 machten ihn zu einem wichtigen Berater des Weimarer Verfassungsausschusses, wobei er eine starke Präsidialdemokratie vertrat. Er war mit aller Entschiedenheit für Zusammenarbeit fortschrittlicher Gruppen des Bürgertums mit der Sozialdemokratie und dafür bereit zu Konzessionen in der Sozialisierung von Eigentum, obwohl er sie für verfehlt hielt. Den Sozialismus begriff er durchaus als eine Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung, solange der Gegensatz zwischen Arbeiter und Kapitalisten so existiert, wie er ihn in seiner Zeit konstatieren musste. Er vertrat einen dynamischen Kapitalismus, der sich den sozialen Verpflichtungen stellt. Insofern kann man Max Weber auch als Theoretiker eines „Klassenkompromisses“ verstehen. Während andere bürgerliche Ökonomen Marx mieden oder ihn verwarfen, ohne sich mit ihm intensiv zu beschäftigen, hat Weber Marx intensiv studiert und sehr bewusst dazu seine Gegenpositionen entwickelt. Die aller ersten fremdsprachigen Veröffentlichungen Weberscher Schriften erfolgten im Sowjetrussland der 20er Jahre.
Insbesondere sein unvollendetes nachgelassenes Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ begründete seinen Ruf als „bürgerlicher Marx“. In der späten DDR wurde auf einem Symposion zu seinem 125. Geburtstag im April 1989 die Beschäftigung mit seinem Werk als fruchtbringend für den Dialog zwischen „nichtmarxistischer und marxistischer Gesellschaftswissenschaft“ verstanden. Weber warf Existenzfragen der Menschheit auf, die uns auch heute interessieren, wie dem friedlichen Zusammenleben, der Entwicklung der Wirtschaftsformen oder der Frage von Macht, legitimer Ordnung und Herrschaft, um nur diese zu nennen.
Er machte aufmerksam, wie der Niedergang politischer Steuerung mit subjektiven Gepflogenheiten von Parteipolitik und Bürokratie zusammenhängt. Für Weber gibt es zwei grundlegende Anforderungen an Politiker: Sachlichkeit und Verantwortung, die ihm dienen, um Macht mit Augenmaß auszuüben. Aber in der Realität sieht das anders aus. Eitelkeiten, Unsachlichkeit und Verantwortungslosigkeit bestimmen oft politisches Agieren, wo dann der Politiker zum Demagogen und Schauspieler und der „gute Eindruck“ wichtiger als die Folgen seines Tuns werden. Daher sieht Weber die Ursachen für Unterschiede politischer Richtungen eher im Geltungsdrang aus Eitelkeit denn aus inhaltlichen Differenzen. Parteien im bürgerlichen Staat sind dadurch Organisationen von Führer“ und „Gefolgschaft“, die in unterschiedlicher Gewichtung einerseits auf Ämterpatronage und andererseits auf ideologischen Glauben ihre Einheit gründen. Diese „Personennetzwerke“ können „leicht in eine ganz gewöhnliche Pfründnerschicht … entarten“. Weber fordert: „Wer Politik überhaupt und wer vollends Politik als Beruf betreiben will, hat sich jener ethischen Paradoxien und seiner Verantwortung für das, was aus IHM SELBST unter ihrem Druck werden kann, bewusst zu sein.“
»Für Weber gibt es zwei grund-legende Anforderungen an Politiker: Sachlichkeit und Verantwortung, die ihm dienen, um Macht mit Augenmaß auszuüben. Aber in der Realität sieht das anders aus.«
Diesen Gefahren des bürgerlichen „Politikbetriebes“ ist heute die LINKE ausgesetzt. Ob die LINKE als „alternative Partei“ überhaupt diesen Rekrutierungsmechanismen von BerufspolitikerInnen im bürgerlich-parlamentarischen Politikbetrieb widerstehen kann, ist angesichts der personalen Auseinandersetzungen des letzten Jahres ungewiss. Sie muss eigene Prinzipien für die Arbeit von ehrenamtlicher und „Berufspolitik“ entwickeln. Dabei kann Max Weber helfen.
Ralf Becker
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