Sozialistischer Realismus
Nach dem lobenswerten Verlegen des Wismut-Epos Rummelplatz von Werner Bräunig bringt der gerade so krisengeschüttelte Aufbau-Verlag einen Band mit Kurzgeschichten von Werner Bräunig heraus.
Er versammelt sieben bereits schon in der DDR veröffentlichte Geschichten und fünf bisher unveröffentlichte aus den Jahren nach seinem Rauswurf beim Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig.
Leider ist zu konstatieren, kein Vergleich mit seinem großen Roman Rummelplatz. Dafür ist es in weiten Teilen leider viel zu konform. Die größten Tragödien sind sintflutartige Regenfälle auf der Großbaustelle von Halle-Neustadt.
Trotzdem finden sich sehr lesenswerte Passagen, etwa in dem bisher unveröffentlichten Fragment aus Rummelplatz, aber auch die erste Geschichte zeigt, wozu Bräunig fähig war. Das Beschreiben einer Kneipenszene in der DDR der späten 60er ist absolut überzeugend und packend. Auch die Geschichte um Reinick, der durch zuviel Arbeit den Kontakt zu seiner Frau verliert, was letztlich zum Auseinanderleben und Scheidung führt, ist gelungen. Besonders der Aufbau des geplanten Romans dazu ist sehr modern, beginnend mit der Scheidung der beiden geht Bräunig in Rückblenden bis zum Kennenlernen zurück.
Leider lässt diese Spannung dann aber nach. Immer angesichts der Zeit, in der es geschrieben wurde und angesichts seiner persönlichen Umstände ist dann zum Beispiel das letzte Stück keine große Literatur. Dennoch, Bräunig war ein Sprachvirtuose. Sozialistischer Realismus in wundervollen Sätzen. „Der Mann aus Chemnitz, der binnen vier Jahren vom Papierfabrikarbeiter, Heizer, Volkskorrespondenten zum beliebten Literaturdozenten in Leipzig aufstieg, war ein rechtschaffener Linker. Wer heute nicht mehr weiß, was das ist, und sich fragt, warum gewisse Wähler ihr Kreuz bei der Linkspartei machen, muss Gewöhnliche Leute lesen.“, heißt es in einer Besprechung der ZEIT.
Lesenwert ist auch das lange und informative Porträt, das Agnes Descher, die
auch Herausgeberin ist, beigesteuert hat.
Eine Geschichte hat mir noch sehr gut gefallen. Sie findet auf der Straße statt, damals gab es noch Anhalter und Tramper. Ein Fahrer nimmt eine junge Anhalterin mit, und sie erzählt ihm zögernd ihre Geschichte. Sie ist eine Idealistin, ihr Freund der Sohn eines Generaldirektors. Dafür genießt er entsprechende Privilegien, eine Haltung die sie nicht verstehen und nicht teilen kann.
Der Reisende sieht Parallelen zu seinem eigenen Leben, und lässt das Mädchen an einer der nächsten Rastplätze wieder raus. Draußen ist es grau und regnerisch. Wir schreiben das Jahr 1968.
Rico Schubert
Werner Bräunig Gewöhnliche Leute
Berlin, Aufbau 2008, 19,90 Euro
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