Wie wir den 1. Mai in kämpferischer Absicht feiern sollten

Arbeit ist das halbe Leben

Bild Mathias PastwaCC-Lizenz

Als ich am 1. Mai 2005 in Dresden die Schloßstraße entlang schlenderte, las ich auf einem Banner: „So wie wir heute leben, werden wir morgen arbeiten.“ Stopp mal, hieß das nicht anders – erst arbeiten, dann leben? Das Banner war an Zäunen befestigt. Junge und Ältere hatten es sich davor in Liegestühlen bequem gemacht und die Sonne genossen – mittendrin zwischen den Ständen der vielen Genossen und der Gewerkschafter. „Nö, der Spruch ist schon richtig“, meinte eine Frau mit langem, braunem Haar. „Wir müssen doch erst mal wissen, wie wir leben wollen und was wir eigentlich brauchen, um gut zu leben. Also ist das gute Leben Ausgangspunkt jeglicher Bestimmung und Organisation von Arbeit.“ Die Kämpferinnen und Kämpfer für gute Arbeitsbedingungen drum herum hielten den Atem an. Bestimmt sich denn gute Arbeit vom guten Leben her? Was ist das eigentlich, das gute Leben? Mehr oder weniger heftige Debatten wurden geführt – ein „Kampf“ der Argumente für und gegen bestimmte Vorstellungen begann, freundlich, mit Schulterklopfen, auch Stirnrunzeln. Das öffentlich und leidenschaftlich debattierende Volk am 1. Mai – eine Schreckensvision für selbsternannte Avantgardisten. Bedingungsloses Grundeinkommen, Arbeitszeitverkürzung, Mindestlohn, selbstorganisierte und solidarische Ökonomie, viel weniger Beton und viel mehr Natur und noch viel mehr Muße. Die sommerwarme Luft am Maitag schwirrte. Jedenfalls reichten zum Schluss die Liegestühle nicht mehr aus, um allen Diskutierenden Erholung zu bieten. Von der Bühne her rief eine Stimme unaufhörlich nach mehr Arbeitsplätzen.

So oder so ähnlich hat es sich begeben. So oder so ähnlich wird es immer öfter sein. Das Volk, der Souverän, fragt sich und erlaubt sich auch zu antworten und handeln zu wollen. Demokratische Aneignung des Gesellschaftlichen hätte Marx wohl dazu gesagt. Zugegeben: Er hatte nicht viel geschrieben über die freie Assoziation der Menschen und darüber, wie die Menschen ihr gemeinsames Leben politisch aushandeln. Aber ein Denker muss ja nicht alles aufschreiben, sonst fehlt ihm die Zeit für andere schöne Dinge, hatte mir die Braunhaarige damals mit einem Lächeln gesagt. „Wir müssen uns mehr am Sein orientieren. Und zum Sein gehört neben dem kreativen Tun auch das intelligente Lassen – Loslassen vom Konsumwahn, vom Habenwollen und Zuvielmachen. Erst recht müssen wir aufhören mit der Produktion von pestizidverseuchten Nahrungsmitteln, von Waffen, von großen und kleinen Klimakillern, von Flugzeugen und Automobilen. Statt Betonbrücken brauchen wir Brücken zum guten Leben.“ Diese Frau hatte die Weisheit mit Löffeln gefressen. „Nein“, meinte sie, „nur ein bisschen Erich Fromm gelesen. War ein demokratischer und humanistischer Sozialist, weißt du.“ Noch so ein Kampfauftrag, meinte ich damals – Lesen und Denken. Als ob Demokratiemachen nicht schon ausreichen würde. Ihr perlendes Lachen verbarg sie hinter einem Tuch, einem tiefroten Tuch – so rot wie der Wein, den wir am Abend des Feiertages gemeinsam tranken. Ich erzählte ihr dabei viele Geschichten: Die von Tom Sawyer, der an einem schönen, himmelblauen Sommertag einen Zaun streichen musste – Zwangsarbeit, auferlegt von seiner Tante. Und wie er herausfand, was Arbeit fehlt, damit es zu einem genussvollen, schöpferischen Tun werden kann. Auch von Frederick erzählte ich, der Maus, die so angeblich unnütze Dinge tat wie Sonnenstrahlen und die Farben der Welt zu sammeln – dabei skandalös auf dem Rücken und im Schatten liegend -, während die anderen Mäuse schwitzend das Korn für den Winter einbrachten. Und wie ihr „unnützes“ Tun den Mäusen in langen, kalten Winternächten half. Es waren alles Geschichten, die von einem Arbeiten berichteten, dass vom Leben her bestimmt war – nicht vom Wachstum und Profit, nicht vom Bruttoinlandsprodukt und von Arbeitsplätzen. Die schöne Braunhaarige schwieg versonnen zu meinen Geschichten, bis auch ich aufhörte zu reden.

Ronald Blaschke